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Was ist Erwerbshybridisierung? ​

Der Begriff Erwerbshybridisierung bezeichnet das Ausüben verschiedener Erwerbstätigkeiten, das heißt einer abhängigen und einer (solo)-selbstständigen Tätigkeit. Innerhalb der Erwerbshybridisierung lassen sich zwei Arten differenzieren, nämlich die serielle Erwerbshybridität, bei der Phasen der abhängigen bzw. (solo-)selbstständigen Erwerbstätigkeit aufeinander folgen sowie die synchrone Erwerbshybridität, bei der die Erwerbstätigkeiten parallel ausgeübt werden.

In der interdisziplinären Forschung zum Themengebiet der Erwerbshybridisierung haben sich bislang allerdings noch keine einheitlichen Begrifflichkeiten durchgesetzt. Beispielsweise wird unter dem Phänomen der Mehrfachbeschäftigung das gleichzeitige Ausübung von mehreren Beschäftigungen verstanden. In Deutschland bezieht sich die Forschung zu Mehrfachbeschäftigungen oftmals auf die parallele Ausübung von mehreren abhängigen Beschäftigungen. In der englischsprachigen Forschung hat sich der Begriff des „multiple jobholding“ etabliert. Dieser unterscheidet jedoch nicht zwischen den Erwerbsformen, er kann also auch die gleichzeitige Ausübung von einer abhängigen und selbstständigen Tätigkeit umfassen.

In der Entrepreneurship-Forschung ist hingegen der Begriff des „hybriden Entrepreneurships“ geläufig, im deutschen Diskurs wird von „Nebenerwerbsgründungen“ gesprochen. Unter hybriden Arbeiten kann aber auch die Kombination von Präsenzarbeit und mobiler Arbeit verstanden werden.

Was sind die Gründe für Erwerbshybridisierung? ​

Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel und ein zentrales Phänomen dieser Veränderung ist die Erwerbshybridisierung. Dieser Trend, geprägt durch Digitalisierung und Tertiarisierung, führt zu neuen Erwerbskonstellationen, bei denen Menschen abhängig beschäftigt und gleichzeitig selbstständig tätig sind. Es gibt jedoch bisher nur wenig Forschung zu den Gründen und Motiven für Erwerbshybridisierung.

Faktoren, die Hybridisierung begünstigen

Die Erwerbshybridisierung wird von strukturellen und individuellen Faktoren beeinflusst. Wirtschaftliche Entwicklungen wie die Deregulierung der Arbeitsmärkte oder die Förderung von Selbstständigkeit im Rahmen der Agenda 2010 haben hybride Arbeitsmodelle gefördert. Gleichzeitig hat die Digitalisierung neue Möglichkeiten eröffnet, etwa durch plattformvermittelte Nebenbeschäftigungen. Auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen spielen eine Rolle. Beispielsweise hat die Bildungsexpansion das Qualifikationsniveau angehoben und damit die Optionen für hybride Tätigkeiten erweitert. Die COVID-19-Pandemie und Elternschaft haben zudem verdeutlicht, wie hybride Modelle genutzt werden, um Flexibilität und Stabilität miteinander zu verbinden.

Push- und Pull-Faktoren der Hybridisierung

Die Entscheidung für hybride Erwerbsmodelle wird von verschiedenen Motiven getragen. Push-Faktoren wie finanzielle Notwendigkeit und soziale Sicherheit zwingen viele in hybride Konstellationen, während Pull-Faktoren wie zeitliche und örtliche Flexibilität oder Selbstverwirklichung eine bewusste Wahl ermöglichen. Oft überschneiden sich diese Faktoren, was die Gründe für Hybridität komplex macht.

Problemlagen von Erwerbshybridisierung ​

Hybride Erwerbsformen spiegeln nicht nur individuelle Lebensstrategien wider, sondern auch Veränderungen im Arbeitsmarkt. Auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen haben einen Einfluss auf die Dynamik hybrider Selbstständigkeit. Die Wechselwirkungen zwischen Biografiegestaltung und sozialstaatlicher Strukturierung rücken dabei zunehmend in den Fokus (Mauch und Langer 2025) und bringen insbesondere vier Problemlagen hybrider Selbstständigkeit hervor.

  1. Soziale Absicherungslücken
    Hybride Selbstständigkeit birgt ein Risiko von Versorgungslücken in der sozialen Absicherung. Besonders betroffen sind die Altersvorsorge und die Absicherung bei Erwerbslosigkeit. Während für abhängig Beschäftigte meist paritätische Beitragszahlungen gelten, tragen Selbstständige ihre Beitragslast häufig allein und versichern nicht immer die selbstständige Nebentätigkeit. Dies führt zu Versorgungslücken, die sich im Alter oder bei Erwerbsunterbrechungen auswirken können.
  2. Ungleichbehandlung von Erwerbsformen
    Die Regelwerke des Sozial- und Steuerrechts berücksichtigen hybride Konstellationen oft nicht ausreichend. So profitieren beispielsweise Midijobber*innen von sozialversicherungsrechtlichen Erleichterungen, während selbstständig Tätige in diesem Einkommensspektrum diese Vorteile meist nicht nutzen können. Diese Ungleichbehandlung wirft die Frage auf, ob historische Regelungen den modernen Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht werden.
  3. Unzureichende Berücksichtigung hybrider Erwerbskonstellationen in der politischen Regulierung
    Die institutionelle Gestaltung von Erwerbsformen ist nicht auf hybride Konstellationen abgestimmt. Während der COVID-19-Pandemie fiel auf, dass hybrid Tätige häufig nicht für staatliche Hilfen qualifiziert waren. Dieses Beispiel zeigt, dass die Komplexität moderner Erwerbsbiografien im Sozialsystem nur unzureichend abgebildet werden.
  4. Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme
    Ein weiterer kritischer Punkt ist die langfristige Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme. Mit der Zunahme hybrider Erwerbsformen verschiebt sich die Beitragsbasis. Insbesondere die gesetzliche Rentenversicherung sieht sich mit Finanzierungsproblemen konfrontiert, da weniger Einkommen aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung generiert wird.