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Elternschaft und Solo-Selbstständigkeit: Chance für die Einen, Herausforderung für die Anderen? ​

Viele bereits tätige Solo-Selbstständige stellt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor enorme Herausforderungen. Für abhängig Beschäftigte wiederum erscheint die Gründung von selbstständigen Existenzen in der Elternzeit eine attraktive Alternative zu abhängigen Beschäftigungsverhältnissen, die sich nicht oder nur schwer mit Care-Arbeit vereinbaren lassen. Wir möchten hier unterschiedliche Perspektiven auf Elternschaft von Solo-Selbstständigen vorstellen.

Vereinbarkeitsversprechen: Solo-Selbstständig werden in der Elternschaft ​

Die Solo-Selbstständigkeit scheint vor allem für Frauen eine gute Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Erwerbsarbeit zu versprechen. So ist das „Vereinbarkeitsmotiv” für Frauen laut mehrerer Studien für Frauen wesentlich bedeutsamer für die Gründung einer selbstständigen Existenz als für Männer. (Gather et al 2017)

Die Erleichterungen in der Vereinbarkeit von Care- und Erwerbsarbeit erfolgen jedoch häufig nicht im erhofften Maße. Vielmehr fühlen sich Gründerinnen laut Female Founders Monitor 2022 häufig doppelt belastet. Zudem sinkt ihre durchschnittliche Wochen-Arbeitszeit statistisch um ca.6 Stunden (ebd.). Dabei verwundert es nicht, dass „fast die Hälfte aller befragten Frauen [...] das Homeoffice als Arbeitsstätte [bevorzugte].”

Grafik_Vereinbarkeitsversprechen

Überzeugte Fürsprecher*innen aus der Gründerszene werben aus noch einem anderen Grund für die Verknüpfung von Elternschaft und Selbstständigkeit. So zum Beispiel Katja Thiede, Mitbegründerin des juggleHUB, einem Coworkingspace mit Kinderbetreuung in Berlin. In einem Beitrag für das Magazin Hauptstadt-Mutti fordert sie, Existenzgründungen von Eltern stärker zu unterstützen. Eltern würden Existenzgründungen vor dem Hintergrund der ihnen zur Verfügung stehenden begrenzten Ressourcen und der Vorbildfunktion, die sie für folgende Generationen übernehmen möchten, abwägen und entsprechend nachhaltigere und gesamtgesellschaftlich relevante Unternehmenskonzepte entwickeln.

Die Zahlen des Bundesverband deutscher Unternehmensberatungen scheinen diesem Appell recht zu geben: „Nur 15% der Start-Up-Gründer*innen in Deutschland sind weiblich – dabei sind Frauen geführte Start-Ups in der Regel stabiler und nachhaltiger. Zudem sind die von Frauen gegründeten Unternehmen eher an sozialen Themen orientiert.”

Je nach Gründungszeitpunkt können Eltern, die während der Schwangerschaft oder Elternzeit ihre solo-selbstständige Existenz aus einer abhängigen Beschäftigung aufbauen, von den für abhängig Beschäftigte geltenden Mutterschutzregelungen und einem Mutterschaftsgeldanspruch profitieren. Auch die Berechnung der Elterngeldansprüche auf Grundlage von Gehältern aus abhängiger Beschäftigung gestaltet sich vergleichsweise unkompliziert, wie der Ratgeber “Wenn Solo-Selbstständige Kinder kriegen” aufzeigt

Vereinbarkeitsherausforderung: Eltern werden in der Solo-Selbstständigkeit ​

Für bereits solo-selbstständig Erwerbstätige stellt sich die Situation anders dar. Das Allensbach Institut hat Anfang 2024 im Auftrag des Familienministeriums eine repräsentative Befragung zum Mutterschutz für Selbstständige durchgeführt - eine der ersten Erhebungen überhaupt, die einen Überblick über die herausfordernde Situation vor allem vieler solo-selbstständiger Mütter liefert. In der Einleitung der Auswertung der Befragung werden die aktuellen Bedingungen auf den Punkt gebracht:

Grafik_Vereinbarkeitsherausforderung

„In Deutschland gibt es rund 1 Million selbständig tätige Frauen und rund 2 Millionen selbständig tätige Männer (einschl. Personen in freien Berufen). Meist wird eine berufliche Selbständigkeit mit etwa 30 Jahren begründet, also etwa im gleichen Alter, in dem die meisten Mütter und Väter ihr erstes Kind bekommen. Für viele selbständig tätige Frauen ergeben sich bereits während einer Schwangerschaft Vereinbarkeitsprobleme. Die bestehenden Absicherungsmöglichkeiten werden von vielen Selbständigen als unzureichend wahrgenommen. Auch nach der Geburt eines Kindes bestehen für Selbständige, insbesondere für selbständig tätige Frauen, oft erhebliche Probleme mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Sie haben zwar einen Anspruch auf Elterngeld, aber kein gesetzliches Anrecht auf eine berufliche Auszeit, die bei unselbständig Beschäftigten bis zu drei Jahre dauern kann; wenn Selbständige nach der Geburt eines Kindes ihre Tätigkeit für eine Zeit unterbrechen, fallen jedoch nicht allein Einnahmen weg, auch bestehende Aufträge können nicht ausgeführt und neue Aufträge nicht angenommen werden.”

Der Mutterschutz für alle e.V. hat im Jahr 2023 eine branchenübergreifende Online-Umfrage durchgeführt und mit 1600 Rückmeldungen eine erhebliche Beteiligung erreicht. Es handelt sich hierbei um keine repräsentative, aber dennoch interessante Erhebung, die klar die große Unsicherheit der Befragten auf Grund der fehlenden Absicherungsregelungen für Solo-Selbstständige während der Schwangerschaft und nach der Entbindung und ihre Befürchtungen von finanziellen Nachteilen herausstellt. In die gleiche Richtung weisen die Ergebnisse des IDW:  Von ca. 27.000 selbstständig erwerbstätigen Frauen, die jährlich ein Kind bekommen, sind 75% nicht durch eine gesetzliche oder private Krankenversicherung gegen ihren Einkommensausfall abgesichert.

Die strukturelle Benachteiligung von selbstständig erwerbstätigen Müttern wird inzwischen - dank des vielfältigen Engagements unterschiedlicher Akteure – auch auf bundespolitischer Ebene anerkannt. So bekräftigte der Bundesrat in seinem Beschluss vom 26.April 2024, dass es „notwendig [sei], die bestehenden Nachteile für selbständige Schwangere oder Mütter in der Zeit nach der Entbindung abzubauen”. Zu den Diskussionen über möglicherweise Umlage finanzierte Mutterschaftsleistungen für selbstständig erwerbstätige Mütter gibt es bisher zwar eine Beschlussempfehlung, aber noch kein abschließendes Ergebnis.

Während auch solo-selbstständig tätige Eltern Anspruch auf Elterngeld haben, ist es wiederum gar nicht so einfach, diesen Anspruch zu ermitteln bzw. die individuell günstigste Variante zwischen den unterschiedlichen Elterngeld-Modellen zu finden: „Elterngeld auszurechen ist leider ein Kapitel für sich: Je nach Versichertenstatus und Steuerklassenwahl ergeben sich Vorteile oder Nachteile beispielsweise beim pauschalen Abzug von Steuern und Sozialversicherungen. Laut eines Artikels in der süddeutschen Zeitung „kapituliert mitunter sogar der Elterngeldrechner des Familienministeriums und liefert falsche Ergebnisse”.“ (ver.di JUGEND 2023)

Das Thema Elternschaft und Solo-Selbstständigkeit ist in den einzelnen Branchen unterschiedlich präsent. In der Kunst- und Kulturszene beispielsweise werden die Herausforderungen für selbstständig erwerbstätige Eltern von unterschiedlichen Akteuren schon sehr viel stärker beleuchtet als in anderen Bereichen. Die Arbeitsgemeinschaft Elternschaft und Kunstbetrieb ist eine Kooperation verschiedener Akteure und Interessenvertretungen der Kunst- und Kulturszene und hat neben Veranstaltungen wie Workshops und Podiumsdiskussionen in 2022 die Online-Umfrage zum Spannungsfeld „Freie:r Kunstschaffende:r und Elternteil sein” durchgeführt, an der sich 361 Menschen beteiligt haben. Die Branchen spezifischen Herausforderungen für selbstständige Eltern werden hier anschaulich dargestellt.